Donnerstag 13.12.18
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Heilpädagogische Arbeit in Badacin


"Wir können keine großen Dinge tun - nur kleine, aber mit großer Liebe." Dieses Zitat von Mahatma Gandhi, dem indischen Freiheitskämpfer, könnte man über die Arbeit der kleinen Gruppe stellen, die in der vergangenen Woche in der Einrichtung CITOPH im rumänischen Badacin arbeitete.

Seit über zwanzig Jahren bemühen sich Helfer der Hofer Fachakademien für Sozial- und Heilpädagogik und des Rumänienkreises der evangelischen Kirchengemeinde Rehau um die 120 Bewohner mit körperlichen und geistigen Behinderungen. In den vergangenen Jahren hat es sich als günstig erwiesen, zweimal im Jahr mit einem gut geplanten Projekt tätig zu werden. Natürlich veränderte sich die Hilfe im Lauf dieser zwanzig Jahre. Nach ganz grundlegender materieller Unterstützung anfangs der 1990iger Jahre geht es jetzt darum, sehr individuell die Lebensqualität für die älter gewordenen Bewohner zu verbessern. Seit Jahren müssen sich die Helfer mit den Verhaltensauffälligkeiten als Folgen der schrecklichen Langeweile, mit Unterernährung und medizinischer Mangelversorgung, mit einem Überangebot an Psychopharmaka und relativ unausgebildetem Personal in den Gruppen auseinandersetzen.

Nach sieben Einsätzen von mobilen deutschen Zahnärzten haben jetzt endlich rumänische Zahnärzte die zahnmedizinische Versorgung der 120 Bewohner übernommen, davon konnten sich die Besucher in der vergangenen Woche überzeugen. Dank einer großzügigen Spende der Hofer Rotarier Bayerisches Vogtland hatten sie außer Winterbekleidung, Winterschuhen und Bettwäsche auch hochkalorische Zusatznahrung im Gepäck, die für fünfzehn Bewohner, die alle wenig mehr als dreißig Kilogramm wiegen, etwa zwei Wochen reicht. "Dieser Schub an Nahrung hat für manche Menschen schon in den letzten beiden Jahren ein wahres Wunder bewirkt," meint Diplom-Sozialpädagogin Nanne Wienands, die für die Organisation der Reise verantwortlich war. Die regelmäßige Versorgung während der Woche in Rumänien hatte Gabriele Hornig übernommen. Sie führte die Menschen von ihren Wohngruppen in das "Kabinett" der Krankenschwestern, wo die Zusatznahrung zweimal täglich verabreicht wurde. "Manche Menschen hatten Probleme, eine kleine halbe Tasse zu leeren," weiß die angehende Heilpädagogin. "Man brauchte viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Auch meine Belastbarkeit wurde auf die Probe gestellt. Das Elend ist sehr groß, wenn man unter der Treppe immer mehr Menschen entdeckt, die die Nahrung auch dringend brauchen könnten, aber nicht auf der Liste stehen."

Für die Bewohner war es ein großartiges Ereignis, dass Irina Batzel aus Pottenstein, ebenfalls Studentin der Hofer Fachakademie für Heilpädagogik, aber bereits ausgebildete Heilerziehungspflegerin und Fußpflegerin, ihnen anbot, sich um ihre Füße zu kümmern. Im Laufe der Woche konnte 95 Menschen das erste Fußbad und die erste Fuß-Pflege ihres Lebens erleben. "Wir haben jeden Vormittag und jeden Nachmittag mehrere Stunden gearbeitet," berichtet Irina Batzel. "Man musste ihnen zum Teil zeigen, wie sie ihre Füße waschen und abtrocknen müssen. Aber das Lächeln und die Begeisterung der Menschen, um deren Pflege sich sonst nicht besonders gut gekümmert wird, hat uns immer wieder gezeigt, dass sogar in der Fußpflege Heilpädagogik versteckt ist!" Nanne Wienands berichtet, dass man ganz gezielt in jedem Haus zuerst einer Mitarbeiterin die Behandlung zuteil werden ließ. Dabei konnten die Bewohner zusehen und verloren so jede Scheu. Außerdem habe man in dem Haus mit der Arbeit begonnen, in dem nur Frauen leben. "Sie haben natürlich dafür gesorgt, dass die Nachricht von der Wohltat einer"pedichiura" sofort wie ein Lauffeuer durch die Einrichtung ging! Oft standen die Bewohner Schlange, wenn ihr Gruppenhaus an der Reihe war." Das Wetter in Rumänien war so schön, dass man nachmittags gut auf der Veranda arbeiten konnte. "Manche Zaungäste kamen jeden Tag, einige versuchten sogar, ein zweites Fußbad zu bekommen;"meint Irina Batzel augenzwinkernd. Eines Nachmittags tauchte die Frage auf, ob Irina die einzige Frau in Deutschland sei, die "sowas" macht - die rumänischen Heimbewohner können sich die Welt außerhalb von Badacin nicht vorstellen. Dass etwa 80 Prozent der Menschen unter Fuß- und/oder Nagelpilz leiden, ist für die Helfer ein deutliches Anzeichen dafür, dass Hygiene und Pflege nicht zu den ausgeprägten Bereichen der Einrichtung zählen.

Zwischendurch wurden natürlich viele Gespräche mit der Heimleitung und den Mitarbeitern geführt. Neue Vereinbarungen und Hilfeangebote wurden besprochen, neue Projekte beschlossen. Dabei bauen die Helfer auf die Unterstützung des Rumänienkreises der Evangelischen Kirchengemeinde Rehau, auf den Osteuropaverein in Neuendettelsau und sicher auch wieder auf die Hofer Rotarier. "Aber ohne unsere Übersetzerin Annelie Schneider wäre dies alles nicht möglich gewesen," meint Nanne Wienands. "Ich glaube, sie hat sich manchmal zerteilt, um überall dabei sein zu können und für Verständigung zu sorgen!" Die Besuche der Helfer aus Hof sind für die Bewohner ein Lichtblick im tristen Alltag, der nach wie vor von zuviel Langeweile geprägt ist. Obwohl es Arbeit in den Fördergruppen gibt, in der Landwirtschaft, in einer Näherei, in einer Holzwerkstatt und in der Küche, ist der Tag gerade für die Menschen mit den schwersten Beeinträchtigungen, die viel zu wenig Zuwendung und Beschäftigung erleben, unendlich lang.
"Deswegen ist der Abschied so schwer," stellen die Helfer heraus. "Nächste Jahr, nächstes Jahr!" rufen uns die Bewohner zu, und "vergesst uns nicht!"

Zahnärzte ohne Grenzen in Badacin

"Zahnärte-Einsatz in Badacin / Rumänien"

Helfer der Hofer Fachakademien für Sozial- und Heilpädagogik fahren Ende März 2013 wieder für einige Zeit nach Badacin in Rumänien. Der siebte Einsatz der "Zahnärzte ohne Grenzen" steht bevor. Wieder geht es darum, den etwa 130 Menschen mit Behinderungen in der Einrichtung CITOPH zu helfen.

Mit den beiden angehenden Erzieherinnen Franziska Bauer und Jennifer Riese fährt die Übersetzerin und Lehrerin Annelie Schneider die inzwischen gut bekannte Strecke nach Rumänien. Die Studierenden sind auf den Aufenthalt und die Arbeit in Badacin gut vorbereitet. Franziska Bauer und Jennifer Riese sind bereits zum dritten Mal dabei. Sie kennen die Bewohner inzwischen gut und verstehen sich mit den Mitarbeitern. Ihre rumänischen Sprachkenntnisse sind enorm gewachsen. Sie werden die zahnärztlichen Arbeiten vorbereiten und koordinieren, in den Häusern der Bewohner mitarbeiten und die Zusatznahrung verteilen, die in den nächsten Tagen noch aus Spendenmitteln gekauft wird. 

Aufgrund ihrer schweren Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten müssen etwa ein Drittel der Bewohner besser ernährt und versorgt werden, als ihre Mitbewohner. Diesmal bringen die Zahnärzte auch eine Physiotherapeutin mit, die mit den Bewohnern an deren Bewegungsfähigkeit arbeiten möchte.

Seit Jahren liegt ein großes Manko der Arbeit in Rumänien darin, dass die Menschen mit Behinderung durch die ständig herrschende Langeweile schlimme Verhaltensauffälligkeiten entwickelt haben, die wiederum medikamentöse Behandlungen erfordern. Hier wollen die pädagogischen Fachkräfte ansetzen und haben deswegen auch eine Menge Beschäftigungsmaterial im Gepäck.

Die gesamte Maßnahme ist neben der zahnärztlichen Aufgaben auch eine Fortsetzung und Sicherstellung der Ergebnisse der fünfmonatigen heilpädagogischen Versorgung der Einrichtung durch Heilpädagogin Gunhild Cerkovnik und Annelie Schneider im Sommer 2011. Die Nachhaltigkeit war von Beginn an ein wichtiges Anliegen der Initiatoren und der Unterstützer, dem Hofer Rotary Club Bayerisches Vogtland und der Evangelischen Kirchengemeinde Rehau mit dem aktiven Rumänienkreis.

„Wer einmal in Badacin war, den zieht es dort immer wieder hin.“ Dieser Satz stammt von Zahnärztin Annette Kirchner-Schröder. Sie bereitet gerade im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Arbeit den siebten Aufenthalt in Badacin vor und wird dort am 26. März 2013 erwartet. Die Hilfe ist erforderlich, weil in Rumänien Menschen mit Behinderung nicht von niedergelassenen Zahnärzten behandelt werden. Schlimme Zahnschmerzen und große gesundheitliche Probleme sind die Folgen.Trotzdem wollen die Helfer wieder einmal versuchen, die zahnärztliche Behandlung durch einen niedergelassenen Zahnarzt vor Ort zu ermöglichen. 

Für alle diese Maßnahmen erbitten die Initiatoren Spenden auf das Konto der Kirchengemeinde Rehau bei der VR-Bank Rehau, Kontonummer 460826, BLZ 78060896. In Vorbereitung ist für die Menschen in Badacin eine Patenschaftsaktion, in deren Rahmen Details über die Hilfe und die Menschen noch besser bekannt gemacht werden sollen.


Hilfe in Rumänien kommt an

Pressebericht Osteuropahilfe 

Hilfen für Badacin

Am 2. Mai 2012 eröffnen wir um 18.30 Uhr im Foyer des Rehauer Rathauses eine Ausstellung über die Menschen, das Leben und die Hilfe in Badacin.

Eine ganz konkrete Möglichkeit der Hilfe wäre es, wenn Sie an diesem Tag viele Woll- und Stoffreste mitbringen zur Ausstellungseröffnung. Und für den Second-Hand-Laden von Pfarrer Vasile Bosca in Simleu / Silvanei werden all die kleinen Dinge gebraucht, die das Leben verschönern können - packen Sie ein Päckchen! Herzlichen Dank für alle Unterstützung!

Besuch aus Rumänien in Hof und Rehau

Abschluss eines heilpädagogischen Projektes in Badacin / Rumänien

Ganz still wurde es beim Mittagsmeeting des Hofer Rotary Clubs, als die Heilpädagogin Gunhild Cerkovnik von ihrer fünfmonatigen Arbeit in Rumänien berichtete. Mit nur vier Bildern von Menschen mit Behinderung und ihren Berichten dazu schaffte sie es, eine gleichzeitig beklemmende und freudige Stimmung zu erzeugen. Sie erzählte von Menschen, die als die „vergessenen Kinder“ der Ceaucescu-Zeit Anfang der 1990iger Jahre durch die Presse gingen. Die Erschütterung der Öffentlichkeit damals war erheblich. Viele dieser Menschen leben noch in rumänischen Einrichtungen und sind heute um die dreißig Jahre alt. Sie leiden an körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen, an Verhaltensauffälligkeiten, an den Nachwirkungen jahrzehntelanger Vernachlässigung und nicht angemessener medikamentöser Behandlung. Die Fortschritte, die die beeinträchtigten Menschen in den wenigen Monaten der intensiven heilpädagogischen Arbeit machen konnten, waren Inhalt des Berichtes von Gunhild Cerkovnik.

Besondere Gäste waren zum Abschluss der Arbeit, die allerdings nachhaltig angelegt ist, aus Rumänien gekommen: die Leitung der Einrichtung CITOPH in dem kleinen Dorf Badacin, Mona Oros, der Pfarrer und Dekan der orthodoxen Kirche im Nachbarort Simleu, Vasile Bosca, in dessen Gemeindezentrum Gunhild Cerkovnik und die Übersetzerin und Deutschlehrerin Annelie Schneider aus Hof von Mai bis September 2011 wohnen konnten, sowie Violetta Milash, sie ist Direktorin der Sozialbehörde des Bezirkes Zalau – ihre Funktion ist vergleichbar mit der Heimaufsicht des Bezirks Oberfranken.

Eine große Spende des Hofer Rotary Clubs Bayerisches Vogtland hatte es möglich gemacht, dass diese langfristig angelegte Hilfe in Badacin angeboten werden konnte. Nach einer intensiven Diagnosephase wurden mehrere Gruppen gebildet, die regelmäßig zu Gruppenstunden zusammen kamen. Nach einem vorher in Hof ausgearbeiteten heilpädagogischen Konzept, an dem maßgeblich Hildegard Havenith, die Ausbildungsleiterin der Hofer Fachakademie für Heilpädagogik und Nanne Wienands, Diplom-Sozialpädagogin an den Fachakademien für Sozial- und Heilpädagogik beteiligt waren, wurde vor allem großer Wert darauf gelegt, dass alle Sinne angesprochen wurden und das Selbstwertgefühl der Menschen gestärkt wurde. Eine Schreibwerkstatt und eine Frauengruppe ergänzten die tägliche Arbeit. Die beratende Begleitung der Arbeit in Rumänien wurde ebenfalls durch die Hofer Pädagoginnen sichergestellt.

Im Rahmen eines Matching Grant Projektes, an dem neben den Hofer Rotariern auch eine österreichische Gruppe und die Rotarier des gastgebenden Landes beteiligt waren, konnte diese Hilfe durchgeführt werden. Besonders stolz darauf war Dr. Winfried Sachs, in dessen Präsidentschaftszeit das Projekt begonnen wurde. Er war im September 2011 mit dem Leiter der Hofer Fachakademien, Pfarrer Achim Schäfer, und Hildegard Havenith in Badacin gewesen, um sich persönlich vom Fortgang des Projektes zu informieren. Um die Nachhaltigkeit zu sichern, wurden an den Besuchtagen zahlreiche Gespräche mit Mona Oros, Violetta Milash und Pfarrer Vasile Bosca geführt. In Badacin waren natürlich auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung in die heilpädagogische Arbeit eingeführt worden, um den begonnenen Prozess weiterzuführen. Alle Fachleute halten es aber auch notwendig, zukünftig neben heilpädagogischen Maßnahmen medizinische, zahnmedizinische und orthopädische Hilfen anzubieten, um eine gute Lebensqualität der Bewohner entsprechend der europäischen Richtlinien für Menschen mit Behinderung herzustellen. Mona Oros, Violetta Milash und Pfarrer Vasile Bosca stellten die Situation in Rumänien vor und bedankten sich für alle Hilfe. An dem Treffen mit den Hofer Rotariern nahm auch der Pressesprecher der Diakonie Neuendettelsau, Thomas Schaller teil. Er wird beim Träger der Hofer Fachakademien von dem Projekt berichten.

Pfarrer Vasile Bosca hatte sich an den beiden Tagen intensiv über die Arbeit in der Hofer Jugendherberge informiert. Sein Gedanke ist es, Bewohner aus Badacin in der Armenküche des Gemeindezentrums von Simleu als Helfer einzusetzen. Dies wäre eine Vernetzung mit vielen positiven Auswirkungen. In seinem Gemeindezentrum ist mit Hilfe der Diakonie Neuendettelsau eine neu eingerichtete Zahnarztpraxis entstanden. Sie kann zukünftig sowohl von rumänischen Zahnärzten als auch von den „Zahnärzten ohne Grenzen“ benutzt werden, die nun schon viermal in Badacin gearbeitet haben.

Kurz besuchte die rumänische Delegation auch Bürgermeister Michael Abraham in Rehau, der im April 2011 einige Tage vor Ort in Badacin verbracht hatte. Er gab im Sitzungssaal des Rehauer Rathauses einen Abriss über die Geschichte und die aktuelle Situation in Rehau und ließ es sich nicht nehmen, die Gäste zum Denkmal der Rehauer Städtepartnerschaften zu begleiten. Anschließend war vom Rumänienhilfekreis eine Kaffeetafel im evangelischen Gemeindehaus vorbereitet; hier konnte man ungezwungen die zurückliegenden Hilfeaktionen besprechen und einen Blick auf zukünftig erforderliche Hilfe tun. Pfarrer Thomas Wolf bedankte sich bei Gästen und Gastgebern für alle Mühe und freute sich über die vielen neuen Impulse.

Konkret geplant sind zwei große Unternehmungen: Ende März 2012 fährt wieder eine Gruppe Heilpädagogen und Erzieherinnen von Hof nach Badacin, um die pädagogische Arbeit zu unterstützen. Anfang Mai 2012 wird eine Ausstellung im Rehauer Rathaus die Situation in der Einrichtung CITOPH darstellen. Dazu sollen erstmals auch Bewohner aus Badacin eingeladen werden.

Vorbildliche Bildungspartnerschaft

Eine vorbildliche Bildungspartnerschaft zwischen einer rumänischen Einrichtung für erwachsene Menschen mit Behinderungen und einer Fachakademie für Heilpädagogik 

Verfasserin: Hildegard Havenith

Seit zehn Jahren  fahre ich als Dozentin der Heilpädagogik mit Studierenden der Fachakademie für Heilpädagogik in Hof, Träger ist die Diakonie Neuendettelsau,  in die rumänische Einrichtung CITOPH (deutsche Übersetzung des Kürzels: Zentrum für Integration, Therapie, Pädagogik für Behinderte) in Badacin, um mit den  MitarbeiterInnen und BewohnerInnen dieser Einrichtung in Projekten zusammen zu arbeiten.

Die zuerst zum Zwecke der Diagnostik und Förderung einzelner Bewohnergruppen angedachten Fahrten entwickelten sich schnell zu Bildungsveranstaltungen, die für die Ausbildung und Eigenentwicklung der Studierenden der Heilpädagogik dienliche Erfahrung boten. Auch die Mitarbeitenden und BewohnerInnen der Einrichtung profitierten in hohem Maße von der Zusammenarbeit. Ich möchte versuchen, die Entwicklungen der beteiligten Partner und die Vorgehensweisen zu verdeutlichen.

Der Verlauf der Bildungspartnerschaft  belegt zugleich den wechselseitigen Austausch zwischen zwei Institutionen zweier  Länder des erweiterten Europas. Sie zeigt Entwicklungs- und Lernschritte für die unterschiedlichen Partner. Die partnerschaftliche Arbeit ist ein Beispiel dafür, wie Bildungsinteressen erwachsener Lernender - hier von Sozial- und Pflegeberuflern mit mittlerem Bildungsabschluss in Ausbildung zur staatlich anerkannten HeilpädagogIn - mit Entwicklungsinteressen von sozialen Einrichtungen - hier eine Betreuungseinrichtung für Menschen mit Behinderungen - osteuropäischer Beitrittsländer zur EU langfristig verknüpft werden können.

Der Austausch von Wissen und Praktiken der  Begleitung, Förderung und Pflege von Menschen mit Behinderungen und psychischen Beeinträchtigungen ist neben den freundschaftlichen kulturellen Kontakten Inhalt  der Zusammenarbeit.

Entwicklungsgeschichte und Verlauf der Bildungspartnerschaft

Um die Ausgangslage der rumänischen Einrichtung und deren BewohnerInnen und die Zusammenarbeit eines vernetzten Hilfesystemes zu verdeutlichen, wird die geschichtliche Entwicklung  aufgezeigt und daran anknüpfend der Bedarf einer BewohnerIn stellvertretend für viele andere Entwicklungsbedarfe vorgestellt. Darauf folgen Informationen zur konzeptionellen Fundierung der   HeilpädagogInnenausbildung an der Fachakademie für Heilpädagogik in Hof.  Anschließend werden die methodischen Arbeitsschritte der Projektarbeit mit der rumänischen Behinderteneinrichtung aus der Sicht der Praxisberatung mit den Studierenden der Heilpädagogik  vorgestellt. 

Die Inhalte der bisherigen Bildungsangebote in der Einrichtung Badacin verdeutlichen den Bedarf an einordnenden Hilfen für die teilweise heilerzieherisch und krankenpflegerisch vorgebildeten Mitarbeitenden der rumänischen Einrichtung.

Die wissenschaftstheoretischen Inhalte werden in diesem Text keine Rolle spielen, um die praktischen Inhalte des Erfahrungsberichtes für die interessierte LeserIn im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu halten.

Vorgeschichte

VertreterInnen der Fachakademie für Heilpädagogik in Hof/Diakonie Neuendettelsau, und der Evangelischen Kirchengemeinde Rehau arbeiten seit 1990 mit der  Behinderteneinrichtung CITOPH  in Badacin, einem kleinen Dörfchen im Bezirk Salaj, Transilvanien, im EU-Beitrittsland Rumänien zusammen.

Ausgangspunkt für diese langjährige Partnerschaft waren die damals unmenschlichen Zustände für behinderte Kinder in rumänischen Heimen nach dem Zusammenbruch der Ceauscescu – Diktatur.

Eine Gruppe engagierter Menschen um den damaligen Dozenten der Fachakademie für Sozialpädagogik, Hans-Georg Angermann, und Pfarrer Achim Schäfer, initiierte eine langjährige und zuverlässige Hilfeleistung.

Dokumente aus der Anfangszeit der Hilfen belegen die Notwendigkeit einer schnellen materiellen Hilfe und lassen erahnen, warum Entwicklungshilfe für die Menschen  einen langjährigen und zuverlässiger Begleitprozess darstellen muss.

"Regelrecht schockiert waren die Oberfranken beim Besuch eines "Heimes für vergessene Kinder"...Hier sind 108 Kinder in vier etwa normal großen Wohnräumen zusammengepfercht. In einem der Räume saßen, lagen, kauerten und drängten sich die Kinder in 20 übereinander stehenden Betten. Diese Kinder sind offensichtlich ihr Leben lang noch nicht aus den Räumen heraus gekommen. Zudem wurde ihre gesundheitliche Betreuung so vernachlässigt, dass heilbare Verletzungen und Behinderungen inzwischen zu irreparablen Leiden geworden sind. Als wir schließlich im vierten, nur zwanzig Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum insgesamt 53 Kinder  sahen, die auf der Erde kauerten, sich an den Wänden oder in den Betten drängten, viele von ihnen unfähig zum Laufen, da mussten wir weinend ins Freie gehen, viele von uns mussten sich erbrechen."  (Frankenpost 25.06.1991)

In einem Informationsblatt der evangelischen Kirchengemeinde Rehau wird 1991  weiterhin berichtet:

"Mangelnde medizinische und pflegerische Betreuung, das Fehlen von qualifiziertem pädagogischen Personal, der Mangel an Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten sowie desolate bauliche Zustände zwischen 1980 und 1990 hat vielen Kindern (in der Einrichtung Badacin) das Leben gekostet."

Es wurde eine Partnerschaft begründet zwischen der Einrichtung in Rumänien, der evangelischen Kirchengemeinde  Rehau und den Fachakademien für Sozial- und Heilpädagogik in Hof. Die Evangelische Kirchengemeinde Rehau verpflichtete sich zur materiellen Hilfeleistung, die über die Jahre den Neubau eines Wohnhauses, die Anschaffung von Heimbussen, Materialbeschaffungen für Küche und Waschküche der Einrichtung, Bereitstellung der Wasserversorgung und die Finanzierung von Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für die MitarbeiterInnen der Einrichtung neben vielfältigen weiteren materiellen Hilfeleistungen beinhalteten. Des Weiteren wurden durch Mithilfe einiger Kirchengemeinden, insbesondere der Gemeinde Bad Schwalbach mehrere Wohnhäuser für die Bewohner, damals noch Kinder, errichtet. Professor von Hentig, ein emeritierter Professor für Landschaftsbau, schloss sich den Projektpartnern in einer Arbeitsgemeinschaft an und baute zusammen mit seiner Frau für die Einrichtung ein landwirtschaftliches Selbstversorgersystem auf.

Diese vielfältigen materiellen Hilfeleistungen waren die Voraussetzung für die weiterführenden alltagsgestaltenden und  verarbeitenden Hilfen für die BewohnerInnen und die Gestaltung von Zukunftsperspektiven für die Menschen.

An dieser Stelle soll im Folgenden primär über die Hilfeleistungen der Fachakademie für Heilpädagogik berichtet werden, ohne die Leistung der anderen in der  Arbeitsgemeinschaft vernetzt mitarbeitenden Organisationen zu schmälern.

Geschichte der Hilfen für Badacin durch die Fachakademie für Heilpädagogik in Hof

Nachdem angehende ErzieherInnen mit ihren DozentInnen in den Jahren 1990 – 1997 die Einrichtung mehrfach besuchten und 1992 bereits einmal fünf Studierende der Heilpädagogik in der Einrichtung Badacin gemeinsam mit einer Dozentin Spiel- und Förderangebote mit Mitarbeiterinnen besprochen hatten, wurden die Initiativen seit 1997 durch die Fachakademie für Heilpädagogik weitergeführt und intensiviert. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass viele der Kinder, die 1990 in dem Kinderheim in Badacin entdeckt worden waren, schwere körperliche und psychische Schäden davongetragen hatten und einer  langfristigen Begleitung und personeller Hilfen bedurften. Viele der Kinder waren inzwischen im Jugend- und Erwachsenenalter. Das Land Rumänien war geschüttelt von politischen Wechselspielen. Die soziale Versorgung ließ zu wünschen übrig und eine humane Betreuung von Menschen mit Behinderungen  im Erwachsenenalter hatte sich noch nicht entwickelt.  Mit der Bezirksregierung in Salaj wurde ein Bleiberecht für die erwachsenen Personen in dem ehemaligen Kinderheim vereinbart, so dass das Heim sich zu einer Einrichtung für erwachsene Menschen mit Behinderung entwickelte.

Um zu verdeutlichen, auf welchen Bedarf der Personen eingegangen werden musste, wird hier die Geschichte einer Bewohnerin der Behinderteneinrichtung erzählt.

Die Geschichte von Felicia

Felicia (der Name wurde verändert) ist eine junge Frau im Alter von etwa 30 Jahren. Ihr Nachnamen ist nicht bekannt; ebensowenig ihr genaues Geburtsdatum.  Felicia wurde als kleines Kind von ihren Eltern in Rumänien auf der Straße ausgesetzt. Ihre Eltern waren wahrscheinlich so arm, dass sie es sich nicht vorstellen konnten, die Belastungen der Erziehung mit einem  behinderten Kind  zu tragen. Die junge Frau ist wohl seit ihrer Geburt  blind. Ihr linker Fuß ist unnatürlich abgewinkelt, weshalb die zierlich gewachsene Person nicht stehen und gehen kann.  Eine in Deutschland routinemäßig durchgeführte Korrektur des Fußes war in Rumänien für so ein "vergessenes Kind" aus Kostengründen nicht denkbar.

Behindertsein war zur Zeit der Geburt von Felicia in ihrem Land ein schlimmer Makel. Behinderte Kinder  gab es nicht, weil Ceaucescu, der autoritäre Machthaber Rumäniens beschlossen hatte, dass es sie nicht geben dürfe. Felicia kam als kleines Kind in ein "Heim für  unwiederbringliche Kinder" oder auch als "Heim für vergessene Kinder" bezeichnet. In diese Heime kamen auch Kinder, die als irrecuperabil (nicht reparierbar) bezeichnet wurden. Dort herrschten unmenschliche Bedingungen. Die Kinder wurden in kleinen Räumen zu 30 bis 40  zusammen gepfercht. Beschäftigung, Pflege, ausreichende Nahrung, Fürsorge gab es nicht. Viele der Kinder überlebten dieses Martyrium der Einrichtung nicht. Als nach Beendigung der totalitären Herrschaft in Rumänien die Einrichtung zum ersten Mal durch den damaligen Dozenten der Fachakademie für Sozialpädagogik/Hof,  Hans-Georg Angermann, mit Studierenden besucht wurde, war Felicia eines der dürren kleinen Kinder, die verängstigt zusammengekauert in verdreckten Räumen ohne Kleidung entdeckt wurden. Felicia waren alle Zähne gezogen worden. Sie hatte sich mit aller  Energie der Verzweiflung im wahrsten Sinne des Wortes „durch´s Leben gebissen“, was nicht geduldet werden konnte. Sie hatte, trotz wahrscheinlich normaler Intelligenz, nie gelernt zu sprechen; sie war kaum in der Lage, mitmenschlichen Kontakt auszuhalten.

Heute, 17 Jahre nachdem die ersten Hilfstransporte das Kinderheim in Badacin im Bezirk Salaj in Rumänien erreichten, wohnt Felicia mit 22 inzwischen ebenfalls erwachsenen BewohnerInnen in einem vor 10 Jahren erbauten Holzhaus. Sie besitzt ein eigenes Bett und ein Fach in einem Schrank.

Felicia hat es gelernt, mit anderen gemeinsam an einem Tisch zu essen, was ein wichtiger und langwieriger Lernschritt für sie war. Sie war es gewohnt, in ihrer Kindheit alles Menschliche zu bekämpfen und hielt sich gerne unter dem Tisch auf. Nachdem sie zunehmend positive Erfahrungen mit Menschen machte, gab sie den Kampf auf. Ihre vorherige Angst vor äußerer Gewalt wurde abgelöst von der Angst, zu verlieren. Sie begann, sich mit aller Gewalt an Menschen  anzuklammern. Auch diese Phase konnte überwunden werden, so dass die junge Frau inzwischen an Kleingruppenaktivitäten mit anderen BewohnerInnen der Einrichtung teilnehmen kann. Felicia ist sehr neugierig. Sie erkundet mit den Händen und dem Mund ihre Umgebung und lernt dadurch, Menschen und Situationen besser zu verstehen und sich an sie anzupassen. Momentan lernt sie, Grenzen ihrer Mitmenschen zu wahren. Nicht alle ihrer MitbewohnerInnen mögen es, wenn die junge Frau den Essteller der Nachbarin erkundet.

Die Geschichte von Felicia ist eine von 120  Lebensgeschichten von Menschen, die aufgrund der widrigen Lebensumstände im Kinderheim der vergessenen Kinder von Badacin ihre traumatischen Lebenserfahrungen verkraften müssen. Die meisten der Personen hatten im Kindesalter keine schweren geistigen Behinderungen. Doch die widrigen Lebensumstände der frühen Kindheit haben schwere Lernbeeinträchtigungen und psychische Störungen hinterlassen. Neben diesen Bewohnerinnen, die als Kinder im Heim der vergessenen Kinder lebten, wurden in den letzten Jahren etwa 20  Personen in die Einrichtung neu aufgenommen. Die meisten dieser Personen haben  ihre Kindheit und Jugend als Straßenkinder verbracht. Angehörigenkontakte sind verloren gegangen und sind häufig auch nicht erwünscht. Einige als psychisch krank diagnostizierten junge Erwachsene wurden von Eltern in die Einrichtung gegeben.

Alle Energien wurden in den letzten Jahren darauf verwandt, der Einrichung dabei zu helfen, die Wohn- und Lebenssituation der Menschen zu verbessern. Neben der notwendigen materiellen Hilfe wurde es zu einem wichtigen Schwerpunkt der Hilfen, die Ausbildung der MitarbeiterInnen der Einrichtung zu verbessern. Dies erfolgte einerseits durch die Vergabe von Stipendien durch die Evangelische Kirchengemeinde Rehau für einzelne Mitarbeitende. Inzwischen konnten acht MitarbeiterInnen mit Lizeumsabschluss die Schule Friedrich Müller, die von der Diakonie Neuendettelsau in Sibiu (früherHermannstadt) betrieben wird, besuchen und einen einjährigen Abschluss machen; eine Mitarbeiterin wurde drei Jahre lang zur Heilerziehungspflegerin ausgebildet.

Diese Qualifizierungsmaßnahmen werden als Angebot der Fachakademie für Heilpädagogik in Hof und auf Wunsch der Einrichtung durch regelmäßige Beratungs- und Fortbildungsveranstaltungen zur Umsetzung der Theorie in die Praxis unterstützt.

In der Zeit von 1997 bis 2006 nahmen 42 Studierende der Heilpädagogik  an den  insgesamt 19 Bildungsmaßnahmen für  Mitarbeitende und BewohnerInnen  der Einrichtung Badacin, die heute den Status einer psychiatrischen Einrichtung in Rumänien hat, teil. Fünf staatlich anerkannte HeilpädagogInnen, eine Diplompsychologin, eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, zwei Diplom- HeilpädagogInnen und ein Pfarrer brachten ihre Fachkompetenzen zur Normalisierung des Lebens in der Einrichtung, zur Nachentwicklung der Bewohner und zur Behebung körperlicher und psychischer Schäden mit in die Hilfemaßnahmen ein. Alle Leistungen werden ehrenamtlich erbracht.

Mitarbeiter aus Badacin diskutieren Arbeitsergebnisse bei einer Fortbildung in Hof.