Donnerstag 13.12.18
Projekte
„Alter und Selbstbestimmung" – eine Herausforderung auch für die Heilpädagogik?

 „Alter und Selbstbestimmung – eine Herausforderung auch für die Heilpädagogik?“

Mit diesem Thema beschäftigten sich drei Studierende der Heilpädagogik aus dem derzeitigen Oberkurs Frau Feulner, Frau Fischer-Dederra und Frau Welbers. Begleitet wurde das Projekt von Frau Lange.

1.    Einstieg ins Projekt

Zunächst näherten sich die Projektteilnehmerinnen dem Thema über allgemeinen Austausch, Diskussion und brainstorming an. Was interessiert uns an diesem Thema? Welche Brisanz hat es für die Heilpädagogik? Wenn es gilt, Selbstbestimmung im Alter für Menschen mit Beeinträchtigung so weit wie möglich zu achten und zu erhalten, welche Aufgaben erwachsen daraus für Heilpädagoginnen? Welche Inhalte gilt es dabei besonders zu beachten?

Hilfreich für den Einstieg in das Projekt war ein gemeinsamer Besuch bei einer Veranstaltung in der Altenbegegnungsstätte St. Lorenz in Hof. Dort referierte die Diplompsychologin Frau Dr. Benner zum Thema Selbstbestimmung im Alter und ging dabei auf das Märchen der Bremer Stadtmusikanten ein. Bekanntlich handelt dieses Märchen der Gebrüder Grimm von vier Tieren, denen, weil sie alt und „zu nichts mehr zu gebrauchen“ sind, der Tod droht. Also beschließen diese Vier, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, denn – so heißt es im Märchen -  „etwas besseres als den Tod findet man überall“. Die Seniorinnen, die sich im Anschluss an das Märchen über ihre eigene Situation austauschten, hatten unterschiedliche Ideen und Meinungen darüber, wie sie sich Selbstbestimmung im Alter vorstellen. Wünsche von „ich möchte nicht aus meiner gewohnten Umgebung heraus, ich möchte Pflegepersonal kommen lassen“ bis „warum sollten wir nicht z.B. eine Wohngemeinschaft gründen – jeder hätte seinen Bereich und wäre trotzdem nicht alleine …“ wurden geäußert.

In der Reflexion dieses Veranstaltungsbesuchs wurde besonders klar, dass der Wunsch nach Selbstbestimmung bei den meisten älteren Damen deutlich ausgesprochen wurde, aber die Vorstellungen hierzu für die konkrete Lebenssituation durchaus sehr individuell sein können.

2.    Relevante Fragestellungen

Weitere Fragen, die für die Projektteilnehmerinnen bedeutsam wurden waren: „Ab welchem Lebensalter kann von Selbstbestimmung im Alter gesprochen werden?“ „Setzen wir uns als Menschen, die einem natürlichen Alterungsprozess unterliegen, rechtzeitig genug mit Selbstbestimmung auseinander?“ „Wird Selbstbestimmung erst dann ein Thema für den einzelnen, wenn Verlust von Selbstbestimmung droht?“

Es scheint, so das vorläufige Fazit, so zu sein, dass die Selbstbestimmung meist dann zum Thema wird, wenn ein Mensch körperliche oder geistige Einschränkungen erlebt. Dies kann allerdings jeden in jeder Altersstufe treffen.

3.    Theorieaspekte

Wir überlegten eine eigene Definition von Selbstbestimmung im Alter und entwickelten daraus ein graphisches Modell zur Selbstbestimmung, im Hinblick auf die Vorstellung vom Menschen als eine bio-psycho-soziale Einheit. (Grafik: Foto s.u.)

Um es systemisch mit den Begriffen eines Ökosystems von Bronfenbrenner auszudrücken, wird – bei unserem Beispiel - die Selbstbestimmung eines Menschen von verschiedenen Systemen mit beeinflusst. Es sind dies die Systeme Makro- Meso- Exo- und Mikrosysteme.

Was Selbstbestimmung ist und wie Selbstbestimmung gestaltet werden kann wird zum einen durch die Makrosysteme wie Politik (z.B. Gesundheitspolitik, Finanzpolitik, Grundgesetz), Wirtschaft, Werte unserer Gesellschaft, Religion …) bestimmt. Sie bilden den groben äußeren Rahmen, der gewisse Möglichkeiten eröffnet, aber auch Grenzen von Selbstbestimmung aufzeigt.

Jeder Mensch gehört in der Regel mehreren Mikrosystemen an. Der / die Partnerin, die Familie, beste Freunde, Arbeitskollegen usw.. Je nachdem, wie die Mit-Personen den Wunsch des einzelnen nach Selbstbestimmung unterstützen, wird diese mehr oder weniger gelingen können.

Wie wiederum die verschiedenen Mikrosysteme, denen eine Person angehört, zusammen agieren, ob z.B. ein Mikrosystem die alleinige Verantwortung dafür bekommt, einer bedürftigen Person ihren Wunsch nach Selbstbestimmung zu erfüllen, oder ob einige Mikrosysteme gegen und andere Mikrosysteme für eine Selbstbestimmung arbeiten, wird die Dynamik in Bezug auf Selbstbestimmung stark beeinflussen.

Auch die Exosysteme, denen die Person nicht direkt angehört, die aber unter Umständen einen Einfluss auf andere Mit-Personen der Mikrosysteme (z.B. Arbeitskollege des Mannes, der von einer bestimmten Entscheidung abrät) haben, können die Verwirklichung von Selbstbestimmung mit beeinflussen.

Selbstbestimmung ist für uns ein selbstverständlicher Wert unseres Lebens. Niemand möchte freiwillig darauf verzichten. Wenn aber Krankheit, Behinderung und altersbedingte Einschränkungen ein selbstbestimmtes Leben deutlich erschweren, merken wir viel stärker unsere Abhängigkeit von Entscheidungen anderer, die z.B. wie oben dargestellt, ablaufen können.

4.    Die Bedeutung der Ressourcen

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) führt seit 2008 bis 2013 eine Studie mit dem Namen PREFER zum Thema „personale Ressourcen für Autonomie und Lebensqualität bei älteren Menschen mit Mehrfacherkrankung“  (http://www.dza.de/forschung/prefer.html) durch. „PREFER ist eine Studie, die sich mit der Frage beschäftigt, was älteren Menschen mit Mehrfacherkrankungen dabei helfen kann, trotz gesundheitlicher Einschränkungen ein selbstständiges Leben mit hoher Lebensqualität und Autonomie zu führen.“ (ebd.)

Eine besondere Bedeutung wird in dieser Studie den Ressourcen des betroffenen Menschen zugesprochen und es wird der Frage nachgegangen, welche persönlichen und gesundheitlichen Ressourcen vorhanden sind und wie dadurch die Autonomie positiv beeinflusst wird.

So heißt es in einem Teilbericht der Studie „Regelmäßige körperliche Aktivität, wie zum Beispiel Sport oder Spazierengehen, fördern auch noch im hohen Alter die Gesundheit, wie verschiedene Studien gezeigt haben.“ (http://www.dza.de/ fileadmin/dza/pdf/BSchuez_kurz_04.2012.pdf .... Schüz / Ziegelmann u.a.) Viele ältere Menschen, so Schüz, bewegen sich nicht ausreichend. Zudem fehlen finanzielle Ressourcen in verschiedenen Landkreisen, um entsprechende Angebote machen zu können (vgl. ebd). „Soziale Ungleichheit scheint sich nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der Umweltebene zu manifestieren….“ (ebd.)

5.    Ressourcenorientierte Sichtweise in der Heilpädagogik

Auch die Heilpädagogik hat sich der ressourcenorientierten Sichtweise verschrieben. Immer wieder geht es im heilpädagogischen Handeln genau darum: die Ressourcen der Betroffenen wahrzunehmen, hervorzuheben und sie in einem gemeinsam gestalteten Hilfeprozess erlebbar und nutzbar zu machen. Dabei werden Heilpädagoginnen und Heilpädagogen oft mit Einschränkungen konfrontiert, die für die betroffenen Personen durch Bedingungen aus der Umwelt, durch hinderliche Einflüsse aus dem Makrosystem, aber auch den Mikrosystemen entstehen.

Die Projektgruppe tauschte sich über individuelle Ressourcen aus, die sie im Zusammenhang mit Selbstbestimmung wichtig findet.

 Vier Ressourcenbereichen wollte die Projektgruppe noch genauer analysieren: die gesundheitlich-körperlichen Ressourcen, die sozialen, die materiellen und die psychischen Ressourcen.

6.    Der Fragebogen

In unserer kleinen Projektgruppe fanden wir keine umfassenden Antworten darauf, über welche Ressourcen verschiedene Menschen in Lebensphasen mit guter Selbstbestimmung verfügen, welche auch für Lebensphasen mit wenig Möglichkeit zur Selbstbestimmung grundlegend sind. So wurde in der Gruppe ein Fragebogen entwickelt. Inhaltlich wurden qualitative Fragen („wie wichtig ist Ihnen …“ ), quantitative Fragen („wie viel tun Sie dafür …“), sowie Auswahlfragen („was möchten Sie – was möchten Sie nicht …“) formuliert. Der vierseitige Fragebogen wurde von 43 Personen, im Alter zwischen 40-84Jahren ausgefüllt. Die Ergebnisse aus der Auswertung des Fragebogens finden sich in der Power-Point-Präsentation.

7.    Fazit

Die von uns befragten Menschen scheinen im Großen und Ganzen bereits jetzt viel dafür zu tun, ihre Selbstbestimmung so lange wie möglich erhalten zu können. Allerdings sieht es bei der gesundheitlichen Ressource „Stressbewältigung“ folgendermaßen aus: Stressbewältigung: Hier geben 10% der Befragten an zu wenig zu tun und ca. 43% geben an, weniger dafür zu tun. Auch die materielle Ressource „Wohnen im Alter“ ergibt eine schlechtere Einschätzung. Wohnen im Alter: 8%  der Befragten geben an zu wenig zu tun und ca. 36% sind der Auffassung, weniger dafür zu tun.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Ressourcen und Selbstbestimmung (im Alter). Ressourcen eröffnen immer Möglichkeiten – eben auch Möglichkeiten zur Autonomie und Lebensqualität – auch mit oder trotz Einschschränkung.

 Selbstbestimmung im Alter ist sowohl eine individuelle Aufgabe jedes Einzelnen, die bereits in jüngeren Jahren präventiv überlegt und vorbereitet werden kann. Selbstbestimmung ist aber auch eine übergeordnete Aufgabe der Politik und der Umwelt, wenn es z.B. darum geht, geeignete Angebote für Menschen mit eingeschränkter Selbstbestimmung zu ermöglichen. 

Heilpädagoginnen und Heilpädagoginnen werden auch weiterhin Ihre Aufgabe ernst nehmen müssen, sowohl die individuellen Ressourcen der zu betreuenden Menschen, als auch die Ressourcen der umgebenden ökologischen Systeme zu sehen und zum Wohl des Menschen zu nutzen. Ressourcen stehen nicht selbstverständlich allen Menschen in gleicher Weise zur Verfügung. Daher sollten Heilpädagoginnen und Heilpädagogen ein Wissen über Ressourcen und deren Bedeutung für das Leben der Menschen mit Beeinträchtigung haben. Würde das Projekt weitergeführt werden, so wäre nun eine Befragung von Menschen mit Behinderung sinnvoll.

Weiterhin ist es die Aufgabe, als Fürsprecher aktiv zu sein für die Menschen, die nicht gehört werden, um Mittel und Bedingungen für Selbstbestimmung als Recht des einzelnen bei den zuständigen Stellen einzufordern.

Im Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland heißt es „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsgemäße Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

Verfasserinnen:

Bericht zum Projekt:
Heidi Lange, Heilpädagogin, Dozentin an der Fachakademie für Heilpädagogik

Fragebogen und Auswertung:
Studierende: Jutta Feulner, Marina Fischer-Dederra, Monika Welbers. Dozentin: Heidi Lange

Power-Point-Präsentation:
Monika Welbers

Studierende der Heilpädagogik gestalten einen „Familienplatz“

Studierende der Heilpädagogik gestalten einen „Familienplatz“

Shirley Fiebig, Sandra Götz und Susanne Zoller, drei Studierende aus dem derzeitigen Oberkurs der Ausbildung zur staatlich anerkannten Heilpädagogin widmeten sich im vergangenen Schuljahr dem Projekt „Familie“. Die systemische Sichtweise, die in Hilfeprozessen der Heilpädagogik eine große Rolle spielt, bezieht gerade in der Arbeit mit Kindern ganz besonders die Familie als elementares und prägendes soziales System mit ein. Als die Projektgruppe noch auf der Suche nach interessanten Projektinhalten war, wurde das Thema des diesjährigen Jahresfestes der Diakonie Neuendettelsau bekannt: „Leben gestalten – Generationen verbinden“. Beim Jahresfest in Neuendettelsau, das traditionell jeweils am 1. Mai stattfindet, gibt es immer ein Rahmenprogramm mit vielen Aktionen von verschiedenen Einrichtungen, die zur Diakonie gehören.

Die Projektgruppe überlegte, wie sich „Familie“ und „Generationen verbinden“ verknüpfen und gestalterisch an so einem Festtag umsetzen ließen. So entstand die Idee, einen „Familienplatz“ zu konzipieren. Als Ideenvorlage diente die Methode des Familienbretts, eine längst anerkannte Fachmethode im systemischen Arbeiten mit Familien. Kleine Holzfiguren, die einzelne Mitglieder der Familie darstellen können, werden auf einem quadratischen Brett (Kantenlänge ca. 50cm) von einem Familienmitglied aufgestellt. Auf diese Weise kann z.B. ersichtlich werden, wie die Beziehungen innerhalb einer Familie wahrgenommen werden, z.B. – wer „steht“ wem am nächsten, wer steht mit dem Rücken zu anderen Mitgliedern, wer steht am weitesten voneinander entfernt? Durch das Darstellen und die einhergehende Visualisierung des Geschehens wird auf der analogen Ebene – weil eben nicht nur darüber „geredet“ wird – eine bestimmte Dynamik innerhalb der Familie sichtbar. Nicht selten entdecken Familien oder einzelne Familienmitglieder dabei „Neues“ über sich und ihre Familie.

Um die Idee des Familienbretts für das Jahresfest aufzubereiten, wurden aus Holzbrettern große Holzfiguren angefertigt. Interessierte Besucher hatten die Möglichkeit, ihre Familienmitglieder mit Oma, Opa, Bruder, Schwester, Tante, Onkel, „Kind und Kegel“ auszuwählen, die jeweiligen Figuren mit Namen zu beschriften und auf einem Platz mit der Größe von ca. 3 mal 3 Metern aufzustellen.

Natürlich kann es bei einer öffentlichen Veranstaltung wie einem Jahresfest mit vielen Besuchern nicht darum gehen, mit solch einem Medium beraterisch oder therapeutisch zu arbeiten – aber die Holzfiguren und die Begleitung beim Auswählen und Aufstellen der Figuren zu haben, um die ganze Familie zu versammeln oder um sich z.B. auf diese Weise an Geschwister zu erinnern, die teilweise schon verstorben sind, waren Gelegenheiten, die verschiedene Besucher des Fests für sich gerne nutzten. Eine ältere Dame ordnete gleich zu Beginn der Veranstaltung auf diese Weise mit Hilfe der Figuren ihre Geschwisterreihe mit insgesamt acht Geschwistern dem Alter nach und erzählte dabei jeweils kurz über ihre bereits verstorbenen Schwestern und Brüder.

Ein großes Kompliment machen wir den Kindern, die – anders als die Erwachsenen, die sich oft nicht so recht trauen – ganz natürlich und unkompliziert und auch mit Eifer und Freude den ganzen Reichtum ihrer jeweiligen Familien durch die räumliche Positionierung auf dem Familienplatz darstellten. Teilweise hat – wegen der Vielzahl der Familienmitglieder – fast unser Platz nicht ausgereicht. Faszinierend für uns war auch, mit welcher Hingabe und welcher Konzentration die Kinder sich mit dem Thema „meine Familie“ beschäftigten und wir unterstützten sie z.B. dadurch, dass wir die begleitenden Erwachsenen vom Drängeln abhielten. Das Verhalten der Kinder ist für uns ein weiterer Beleg dafür, wie wichtig die eigene Familie für Kinder ist.

Aus Datenschutzgründen haben wir nur diejenigen Fotos ausgewählt, auf denen keine Gesichter der aktiven Kinder und Erwachsenen dargestellt sind.

Heidi Lange,
Heilpädagogin und Systemische Beraterin, Systemische Supervisorin i.A.
begleitende Dozentin

Die Uhr nach Maria Montessori

Vorstellung der Projektarbeit: Die Uhr nach Maria Montessori

Aus der Praxis für die Praxis – Einführung der Uhr nach Maria Montessori für Kinder im Vorschulbereich und in der ersten Klasse. 

Barrierefreiheit in der neuen Fachakademie

Bericht der Projektgruppe Barrierefreiheit

Studierende der Heilpädagogik: Jennifer Wiesener, Udo Schöpplein, Irina Batzel
Dozentin:  Hildegard Havenith

Barrierefreiheit ist für viele Menschen eine unerlässliche Voraussetzung, um überhaupt mobil sein und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Barrierefreiheit bedeutet, dass Menschen mit Behinderung in öffentlichen Institutionen Gegenstände, Medien und Einrichtungen uneingeschränkt benutzen können.

Barrierefreiheit ist eine soziale Dimension. Sie ermöglicht es allen Menschen, in jedem Alter mit unterschiedlichen Fähigkeiten, gleichberechtigt, selbstbestimmt und unabhängig zu leben und gleiche Pflichten zu erfüllen.

Hintergrund - Gesetzesgrundlagen

2006 wurde bei der UN- Generalversammlung in New York das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (Behindertenrechtskonvention)  unterzeichnet. Am 30. März 2007 wurde auch von Deutschland der Vertrag ratifiziert, der Menschenrechte für die Lebenssituation behinderter Menschen konkretisiert, um ihnen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Das speziell für Deutschland im Mai 2002 in Kraft getretene Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), welches nach §1 die Gleichstellung behinderter Menschen regelt, will:

„Eine Benachteiligung von Menschen mit Behinderung  beseitigen bzw. verhindern, sowie die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen  am Leben in der Gesellschaft gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung ermöglichen“ (Behindertengleichstellungsgesetz BGG §1).

Das Bayerische Behindertengleichstellungsgesetz (BayBGG) Art. 4, sagt zu Barrierefreiheit folgendes:

„Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“

Hintergrund – Generalsanierung des Akademiegebäudes der Fachakademien für Heilpädagogik und Sozialpädagogik

Auf Grund der Generalsanierung der Fachakademien für Sozial- und Heilpädagogik in Hof, hat sich unter Leitung von Frau Havenith eine Projektgruppe zum Thema Barrierefreiheit  gebildet, mit dem Ziel die bestehenden Gesetzesgrundlagen basierend auf der UN- Konvention umzusetzen.

Bezogen auf den Schulumbau in Hof  bedeutet Barrierefreiheit, dass jede Schülerin und jeder Schüler, sowie auch Lehrer, Dozenten und Gäste alle Einrichtungen der Schule betreten, selbstständig, unabhängig und ohne fremde Hilfe sicher  benutzen kann. Dabei soll ihre Autonomie, Unabhängigkeit und Wahlfreiheit  entsprechend des Prinzips  „Unabhängiges Leben“ gewahrt bleiben. 

Hilfreich und zur Orientierung dienend, sind die von der Deutschen Industrienorm (DIN) und vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) erarbeiteten grundlegenden  Normen. Die DIN 18040 / 1+2 entspricht somit der Intention des im Jahr 2002 verabschiedeten BGG, für barrierefreie Begegnung in öffentlich zugänglichen Gebäuden, wie der Fachakademie in Hof.

Vorgehensweisen der Arbeit in der Projektgruppe

  1. In einem ersten Planungsgespräch im Frühjahr 2011 stellt der Architekt – Herr Beyer – dem Kollegium der Fachakademien die baulichen Planungen für das neue Schulgebäude vor. Die Ausbildungsleiterin für den Fachbereich Heilpädagogik schlägt die Herstellung von Barrierefreiheit für das Unterrichtsgebäude vor; insbesondere den Einbau eines Aufzuges. In weiterführenden Gesprächen der Akademieleitung und der Bauleitung mit den Trägervertretungen wird dem Einbau des aufzuges zugestimmt.
  2. Bildung der Projektgruppe mit Studierenden der Heilpädagogik.
  3. Begehung des unsanierten Gebäudes und bildliche Dokumentation der für Menschen mit Behinderung bestehenden Barrieren im Gebäude. Diese dienen als Grundlage für weiterführende Gespräche mit der Akademieleitung, Herrn Pfarrer Schäfer und dem Architekten Herrn Beyer.
  4. Interview mit dem Akademieleiter Herrn Pfarrer Schäfer, der die Projektgruppe damit beauftragt, weitergehende Recherchen vorzunehmen und eine Empfehlung zu verfassen.
  5. Zusammenarbeit mit Projektgruppen der Fachakademie für Sozialpädagogik zum Farbkonzept des Akademiegebäudes.
  6. Begehung der Baustelle mit dem Architekten.
  7. Projektgruppe Barriere-Freiheit bei der Baustellenbesichtigung – Einbau des Aufzuges - (Architekt Herr Beyer,   Ausbildungsleitung Frau Havenith, Studierende Frau Wiesener und Herr Schöpplein)

  8. Exkursion zu dem Berufs-Bildungswerk in Nürnberg, das barrierefrei ausgestattet wurde. Der zuständige Mitarbeiter, Herr Bosch, gibt wertvolle Hinweise für die Farbgestaltung des Gebäudes, Gestaltung von Hinweisschildern, Licht- und Treppengestaltung.
  9. Recherchen in den Ausführungen einzelner Bundesländer zur Herstellung von Barrierefreiheit in öffentlichen Gebäuden.
  10. Verfassen eines Empfehlungsberichtes hinsichtlich Barrierefreiheit bei der neuen Ausgestaltung des Akademiegebäudes.
  11. Treffen mit dem Architekten zur Diskussion des Farbkonzeptes und des Konzeptes zur Herstellung von Barrierefreiheit. Der größte Teil der Empfehlungen kann umgesetzt werden.

Empfehlungen für die Herstellung von Barrierefreiheit  des Schulgebäudes in den Fachakademien für Heilpädagogik und Sozialpädagogik der Diakonie Neuendettelsau, Mozartstr. 16, 95030 Hof

Aufgrund vielfältiger Recherchen (rechtliche Vorgaben, Din-Normen, Exkursionen, Baubegehung) schlägt die Projektgruppe „Barrierefreiheit  in den Fachakademien für Heilpädagogik und Sozialpädagogik in Hof“ vor, folgende Grundsätze in der  Ausgestaltung des Akademiegebäudes  zu beachten.

Beim Barriere-freien Bauen gilt als Grundsatz, dass von 3 Sinnen stets 2 Sinne bedient werden sollten.

Das Gleichstellungsgesetz besagt, dass Personen mit Behinderungen die gleichen Teilhabemöglichkeiten haben sollten, die Personen ohne Behinderung wahrnehmen. Das heißt zum Beispiel, dass Blinde auch die Möglichkeit haben sollen, in gleicher Weise die Treppe zu benutzen, wie ein sehender Mensch. Es ist laut Gleichstellungsgesetz diskriminierend für Blinde oder Sehbehinderte, wenn man sagen würde: „ Nimm doch den Aufzug, wenn die Treppe nicht barrierefrei ist.“.

1. Farbgestaltung

Türen: Türe und Türblatt sollten farblich voneinander abgehoben sein, um sehbehinderten Personen markante farbliche Kontraste zu vermitteln. Die Türkante sollte ebenfalls farblich abgesetzt werden. Türgriffe sollten Kontrast zum Türblatt haben.

 

Beispiel aus einem Schulhaus, das Barriere-frei gestaltet wurde.

Glastüren müssen mit Kontrasten gestaltet sein.

Lichtschalter: Lichtschalter sollten farblich von der Wand abgesetzt werden. Dieser Effekt kann auch durch ein farblich gestaltetes Feld  um den Schalter herum erzielt werden, da Positivkontraste besser wahrgenommen werden können (helles Zeichen auf dunklem Grund).

Farbkonzept: Eine farbliche Zuordnung von einzelnen Fachbereichen (z.B. Sozialpädagogik= rot, SPS= orange, Heilpädagogik=gelb) erscheint als Orientierungshilfe für seh- und lernbehinderte Personen dienlich.  An einer Orientierungstafel/Raumaufteilung  im Eingangsbereich werden die Räumlichkeiten farblich zugeordnet dargestellt. Die Farben finden sich sodann in den einzelnen Fachbereichen an den Türen und in der Raumgestaltung wider. Es ist auch möglich, inhaltlich Farben zuzuordnen; z.B. Informationsschilder sind blau, Fluchtwege werden grün gezeichnet, Verwaltung=lila, Leitungs-Büros=weiß.

 

Beispiel: Allgemeine Hinweistafeln sind in dieser Einrichtung immer blau.

 

Beispiel: Info: Ebene 1 = blau und der Fachbereich Therapie hat in dieser Einrichtung die Farbe Rot-Orange mit rechteckigen Symbolen.

Für Personen, die farbenblind sind, kann auf deutlichen Grauwertunterschied in der Raum-Farbgestaltung und auch bei der Mobilierung d3er Räume geachtet werden.

Kreative Gestaltung von Räumen mit Malereien

Ornamentgestaltung von ganzen Räumen erschweren Orientierung und Konzentration, da die räumlichen Konturen verschwimmen. Eine farbliche Gestaltung einzelner Wände kann dagegen Räume erweitern oder verengen. Es ist auf die Perspektive zu achten. Farben können zudem unterschiedliche psychische Wirkungen erzeugen. Ist ein Wandbild vorgesehen, so ist es gut, wenn dieses sich auf eine Wand und einen umgrenzten Bereich beschränkt, damit die Raumgrenzen noch wahrnehmbar bleiben.

Gefahrenbereiche

Besonders im Bereich von Treppen, die an unübersichtlichen Stellen liegen und/oder schlecht ausgeleuchtet sind, sind farbliche Markierungen notwendig. Auch hier kann der Gefahr durch eine kontrastierende Farbe (im Beispiel gelb) vorgebeugt werden, indem markantere Strukturen erzeugt werden, was wahrnehmungsgestörten Personen hilfreich ist.

Ecken, die  hervorstehend sind und mit Seheinschränkung nicht deutlich wahrnehmbar sind, können durch einen Farbstreifen markiert werden. Eine zusätzliche Abrundung kann von Nutzen sein.

 

2. Lichtverhältnisse

Treppen: Die Treppenaufgänge sollten gut ausgeleuchtet sein. Die Treppenstufen sollten kontrastiert werden mit einer Sichtkante. Dies ist für Personen mit Sehbehinderung und wahrnehmungsgestörte Personen(Menschen mit GB) unverzichtbar.

 

Allgemeine Lichtverhältnisse: Gute Beleuchtung ist in allen öffentlichen Bereichen und in den Klassenzimmern wichtig. Das Licht sollte so angebracht sein, dass es nicht blendet. Versenkte Lampen sind häufig gut, da sie ein gedecktes Licht bieten und dadurch die Lichtverhältnisse gleichbleibend sind. Der Fußboden sollte möglichst nicht spiegeln, da dies für Personen mit Wahrnehmungsbehinderungen Verunsicherungen hervorruft.

Steckdosen, Lichtschalter sollten farblich abgehoben werden; Lichtschalter mit Lämpchen sind vorzuziehen.

3. Räume

Rechtwinklig gebaute Räume sind für sinnesbeeinträchtigte Menschen übersichtlicher.

Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen benötigen mehr Platz; das Zustellen von Wegen ist  in Gängen, Hallen, Unterrichtsräumen zu vermeiden. Ein Raum-Stellplan kann Orientierung bieten.

Flurwände können mit farbigen Orientierungslinien (auch erhaben) ausgestaltet werden.

Wichtige Türeingänge können mit Bodenmarkierung (taktil) und Kontrast (Farbgestaltung vor der Türe) hervorgehoben werden.

Fußböden mit unterschiedlichen Bodenbelägen und farblicher Kontrastierung können Orientierungshilfen bieten.

Dies kann durch Wandgestaltung ergänzt werden.

 

Möblierung: Das Mobiliar sollte klare Flächen und Strukturen haben und funktionell sein; matte Oberflächen sind glänzenden vorzuziehen.

Es sollten Tische und Stühle sowohl für klein-wüchsige als auch für groß-wüchsige erwachsenen Personen vorgehalten werden.

Möbel sollten einen guten Kontrast zur Stellfläche bieten. Möbel möglicht nicht schräg anordnen; ein rechter Winkel erleichtert die Orientierung.

Abgegrenzte Flächen für Informationen sind deutlich auszuweisen, da ungeordnete Anschläge für alle LernerInnen den Überblick erschweren. Ordnungssysteme (Schränke/Regale sollten auch für Alltags-Gebrauchtsgegenstände) vorhanden sein.

Kunstobjekte, Blumen, Informationstafeln sollten feste Plätze haben, damit Orientierung erleichtert ist. Zu viel Dekoration erschwert die freie Wahrnehmung , Orientierungsfähigkeit und Mobilität. Gehwege dürfen nicht verstellt werden. Ausgewiesene Flächen sind für Dekoration zu empfehlen.

4. Treppen

Treppenbereiche sind zur Herstellung von Barrierefreiheit besonders aufmerksam zu gestalten.

Die erste und letzte Stufe sollte sowohl optisch als auch taktil erkannt werden. Diese Wirkung kann durch Bodenbelag vor dem Treppenaufgang und –abgang  erzeugt werden. Eine Matte am Auf- und Abgang kann diesen Effekt ebenso erzeugen. Die einzelnen Treppenstufen müssen – besonders bei Abgängen (Keller) ggf. durch Sichtbänder markiert werden.

Treppenaufgänge und –Abgänge benötigen eine optimale Beleuchtung.

Der Handlauf sollte farblich kontrastiert sein, Griffsicherheit bieten, mit dem Treppenverlauf identisch sein und muss mindestens 30 cm vor der ersten Stufe beginnen. Beginnt der Handlauf vor der Treppe, so sollte das Ende zur Wand hin gerundet sein. Handläufe sollten an Treppenabsätzen weiter geführt werden beidseitig angebracht sein. In großen Flurbereichen können handläufe neben der optischen Markierung am Boden und an der Wand die Sicherheit erhöhen.

Hier wurde in das Holzgeländer eine Nut ein gefräst, um den Beginn der Treppe zu markieren.

5. Aufzug

In öffentlichen Gebäuden müssen die Aufzüge den Erfordernissen möglichst vieler unterschiedlicher Personengruppen entsprechen.

Für Rollstuhlbenutzer sind die Bedienungselemente so anzubringen, dass sie leicht zugänglich sind (horizontal, pultförmiges Bedienungstableau).

Für sehbehinderte Personen sind die Stationentasten erhaben zu gestalten und mit Punktschrift zu markieren. Die Stockwerke müssen durch gute optische Anzeichen leicht zuzuordnen sein. Ein akustischer Hinweis auf ein Stockwerk erleichtert die Orientierung.

Die Lichtschranken an den Türen müssen für Menschen mit Gehstöcken auslösbar sein (Lichtschranke ist besser als Lichtpunkt). Die Zeit der Türöffnung muss auch für sich langsam orientierende Personen ausreichend sein.

6. Raumbeschriftungen

Zur Orientierung sind großflächige Zahlen und Buchstaben zu wählen; erhabene Schrift bietet besseren Kontrast für sehbehinderte Personen. Braille- Punkt- Schrift ist zusätzlich anzubringen; leicht vergrößert, damit spät erblindete Personen diese ertasten können. Türschilder sollten nach einem immer gleichen System in Höhe, Farb- und Formgestaltung angebracht sein. Das Nummerierungs- System muss logisch in der Abfolge zu erschließen und farblich erkennbar sein. Positivkontraste (d.h. helles Zeichen auf dunklem Grund)  sind besser erkennbar.

Orientierungstafel: Eine Orientierungstafel im Eingang, die im gleichen Prinzip gestaltet ist (Farbzuordnung zu Bereichen, erhabene Beschriftung, Blindenschrift, Rollstuhlhöhe), erleichtert für alle Studierenden und Besucher des Gebäudes  die Orientierung.

Literaturverzeichnis

Müller, Michael. 2011. Bauliche Barrierefreiheit an Schulen. CBF Darmstadt. Pallaswiesenstraße 123a. 64293 Darmstadt.  Email

Muß, Britta. 2003. Die barrierefreie Schule- nicht nur für Körperbehinderte. Informationen für Schulleitungen. Präventionsabteilung - Referat Gesundheitsdienst
Tel.: 040/27153-216 - Email  - Homepage

SEKRETARIAT DER STÄNDIGEN KONFERENZ DER KULTUSMINISTER DER LÄNDER IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND. 2008. Menschenrechtsbildung in der Bundesrepublik Deutschland.

Unfallkasse Nordrhein-Westfalen. 2010. Barrierefreiheit wahrnehmen, erkennen, erreichen. Sankt-Franziskus Straße 146. 40470 Düsseldorf. Homepage  

Bildung + Was Lehrer wissen müssen. 2010. Handicap Barrierefreiheit. Behinderte Schüler haben an vielen Schulen das Nachsehen.

 

 

Studierende und Studieninhalte
Eine Gruppe aus Rumänien lernt an der Hofer Fachakademie für Heilpädagogik.

Berufserfahrene ErzieherInnen, Krankenschwestern, HeilerziehungspflegerInnen, AltenpflegerInnen sind Fachkräfte, die sich mit Angehörigen von sozialen Berufsgruppen mit höheren Bildungsabschlüssen in die weiter spezialisierende Ausbildung an  Fachakademien für Heilpädagogik in Bayern begeben können. Sie lassen sich ausbilden für die heilpädagogisch/  therapeutische Arbeit in heilpädagogischen Einrichtungen: in Einrichtungen der Jugendhilfe, in Frühfördereinrichtungen, an Schulen, in der Behindertenhilfe, in der Erwachsenenbildung, in der Pflege, in Beratungseinrichtungen, in freier heilpädagogischer  Praxis u.a..  

Sie entwickeln passgenaue Hilfe für Menschen, die  erschwerte Lebensbedingungen haben und mit Behinderung leben müssen,  Methoden der Diagnostik; sie leisten Beziehungsarbeit und bieten Kommunikation  zur Erschließung von Lebensbewältigung; sie geben Assistenz, Beratung und Bildungsangebote für Menschen mit Behinderungen, für Angehörige und Helferberufe. Sie erschließen sich notwendiges Grundlagenwissen und kennen eine Vielfalt von Fachmethoden .

Eine Gruppe aus Rumänien lernt an der Hofer Fachakademie für Heilpädagogik

Wie kann Heilpädagogik an der Fachakademie nebenberuflich erlernt werden?

Zu erlernen sind die vielfältigen Aspekte, die beim helfenden Umgang mit Menschen zu beachten sind, neben dem theoretischen Studium, am besten durch praktisches Tun.

Dies ist bei dem nebenberuflichen Ausbildungsgang einerseits natürlich gegeben durch die fortschreitende Berufspraxis der Studierenden, die ja alle aus sozialpädagogischen oder sozialpflegerischen Grundberufen kommen und während ihrer Ausbildung weiterhin in den Grundberufen tätig sind.

Zur Erschließung neuer Handlungsfelder müssen von den Studierenden unseres Ausbildungsganges während der Ausbildung sowohl bei der zweijährigen kontinuierlichen Arbeit mit einem Klienten im Einzelbezug, als auch für die vorgeschriebene einjährige Arbeit mit Gruppen Praxisfelder außerhalb ihrer eigenen beruflichen Arbeitsfelder gesucht werden. Ziel ist es, dass die Studierenden sich neue Handlungsfelder erschließen, sie in diesen im Sinne des Selbstmanagements ihre Rolle als heilpädagogisches Fachpersonal finden und üben und einzelne Personen und Gruppen sowie deren Umfeld heilpädagogisch begleiten, beraten und/oder behandeln.

Die Mitarbeit im Rumänienprojekt  ist angesiedelt im Bereich heilpädagogischer Gruppenarbeit und kann als Sonderfall anstelle einer kontinuierlichen wöchentlichen Gruppenstunde als Projekt geleistet werden.

Doch die Formen des Lernens anhand von Aneignungsprozessen durch erfahrbare Handlungen und das Lernen aus diesen Situationen durch Reflexionen sind vielfältig. Zur Verdeutlichung der Anwendungsbezüge werden die Formen des Erfahrungslernens hier verdeutlicht.

Was wir gut und wichtig finden

Ethische Grundaussagen in leichter Sprache (erste Fassung)  hier.

Formen des Erfahrungslernens an der Fachakademie für Heilpädagogik in Hof
Bei den Hospitationen wird auch mitgeholfen!

Lernprozessen, die durch Reflexionen gemachter Erfahrungen initiiert werden, sind für Studierende mittleren Alters mit Berufserfahrungen äußerst effektiv, da die Herstellung von Verknüpfungen der mitgebrachten Lebens- , Berufs- und Lernerfahrungen mit neuen Wissensbeständen, der Aneigung neuer Erfahrungsschätze und integrierender Reflexionserfahrungen neu verbunden werden und damit neue Wissensanordnungen für sich neu ergebende Situationen geschaffen werden.

Die Lernmöglichkeiten über die Reflexion von Erfahrungen sind so im Unterrichtsangebot einer Fachakademie für Heilpädagogik vielfältig. Sie können sich beispielsweise beziehen:

  1. Auf die Reflexion des mitgebrachten Vorverständnisses, das in den neuen Lernkontext der Fachakademie mitgebracht wird.  Im Sinne der Teilnehmerorientierung kann hier auf die Wissens- und Erfahrungshintergründe der pädagogisch/pflegerisch ausgebildeten Fachkräfte eingegangen werden. Diese bringen ihre Berufserfahrungen aus den unterschiedlichen Feldern sozialer Arbeit in Deutschland mit. In Supervisionskontexten werden während der Ausbildung die vielfältigen Lern- und Erfahrungshintergründe hinterfragt und stabilisiert. Die Fachkräfte sichern und stärken hier ihr Berufsprofil aus ihrer Grundausbildung und werden sich ihrer persönlichen Kompetenzen und beruflichen Befähigungen bewusst.
  2. In kleinen Reflexionsgruppen machen die Studierenden Erfahrungen in einem kleinen Team, werden mit Techniken der Einzelberatung vertraut, üben sich in der Kommunikation und Eigenreflexion und fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf die Bedingungen und Wissenserschließung für ein erfolgreiches Projekt hin. Sie erlernen Gesetzmäßigkeiten von Fallarbeit, üben sich in der Struktur von Hilfeprozessen und deren Dokumentation und werden in der Verknüpfung der praktischen Inhalte mit theoretischem Erklärungswissen gefördert. Darüber hinaus partizipieren sie von den Erfahrungen und den Lernprozessen der KollegInnen in den kleinen Praxisberatungsgruppen.
  3. In den speziellen Übungen der Heilpädagogik ist die Methodik des  Erfahrungslernens Ausgangspunkt zur Wissensaneignung. So üben die Studierenden beispielsweise den praktischen Umgang mit unterschiedlichen Diagnoseformen durch exemplarische Anwendung von z.B. Testverfahren mit unterschiedlichem Klientel in unterschiedlichen Einrichtungen, erstellen selbständig Konzepte für Bildungsveranstaltungen, entwerfen Förder- und Spielmaterialien, machen Grenzerfahrungen in der Eigengruppe bei  erlebnisorientierten Verfahren wie Psychomotorik, Erlebnispädagogik, Körperorientierten Verfahren, kreativen Elementen in der Heilpädagogik  etc.. Sie erproben sich im Plenum in der Präsentation von Unterrichtsinhalten.
  4. Problematisierungen von gesellschaftlichen Erscheinungsformen der Segregation behinderter Menschen, die Reflexion von Aspekten von Macht, Beschreibungen von Herausforderungen bei der Bewältigung von Problemen in den unterschiedlichen Handlungsfeldern der Heilpädagogik und schließlich persönliche und argumentativ fachliche Positionierung zu eben solchen Problemen können Erfahrungen des Bewusstseins für eigenen Verarbeitungs- und Handlungsfähigkeit erzeugen und u.a. einen berufsethischen Standpunkt erzeugen und untermauern.
  5. Während des Rumänienprojektes wird Projektlernen als eine spezielle Form des Erfahrungslernens  angewandt. Auf der Basis der mitgebrachten Grundlagen aus den Vorberufen, der Berücksichtigung eigener Lerninteressen, der Aneignung von Theorie- und Erfahrungswissens während der Ausbildung und als Reaktion auf die Erfordernisse der Projekteinrichtung und in Zusammenarbeit mit den ehrenamtlich arbeitenden Hilfsorganisationen werden diese Wissensbestände strukturiert und exemplarisch zur Anwendung gebracht.

Bei den Hospitationen wird auch mitgeholfen!

Arbeitsschritte bei der Vorbereitung einer Bildungsmaßnahme im Rumänienprojekt

  1. Abholung eines Arbeitsauftrages bei der Leitung der Einrichtung Badacin.
  2. Die einzelnen Studierenden entscheiden sich zur Teilnahme an dem Projekt. Sie müssen sich zur Teilnahme an dem Projekt schriftlich bewerben.
  3. Gespräche mit den Verantwortlichen der evangelischen Kirchengemeinde Rehau bezüglich der Finanzierung und organisatorischen Einbindung der Maßnahme.
  4. Persönliche und inhaltliche Vorbereitung der Studierenden:
  • Individuelle Stärkenprofile erarbeiten,
  • Findungsprozess in der Gruppe,
  • Erarbeitung der Formalstrukturen von Bildungsangeboten, Teilnahme am Wahlpflichtfach Erwachsenenbildung,
  • Wissensaneignung über das Land Rumänien, die Geschichte der Einrichtung Badacin, die Geschichte der Hilfen durch die Fachakademie für Heilpädagogik,
  • Einarbeitung in ein Themengebiet, theoretischer und praktischer Hintergrund für diebevorstehende Bildungsarbeit,
  • Kontakte mit der Einrichtung Badacin bezüglich Studierendenvorstellung, Wünsche, Teilnehmerlisten, ggf. Hinterfragen diagnostischer Daten,
  • Erstellung von Arbeitsmaterialien für die Bildungsarbeit,
  • Zusammenarbeit mit den ÜbersetzerInnen, Übersetzungen von notwendigen Arbeitspapieren
  • Vorstellung der Planungen in der TeilnehmerInnengruppe zur Überprüfung und Anreicherung.
  1. Begleitende Öffentlichkeitsarbeit, ggf. Sponsoring für materielle Hilfeleistungen.
  2. Durchführung des Projektes;  Dokumentation der wichtigsten Erfahrungen und Arbeitsdaten.
  3. Erstellung eines Ergebnisberichtes für die Leitung des Heimes mit Anregungen für die Weiterarbeit.
  4. Nachbearbeitung/Ergebnissicherung in der Praxisberatungsgruppe
  • Auswertung der Dokumentationsmaterialien,
  • Vorstellung der Arbeitsergebnisse zuerst in der Beratungsgruppe, später im Plenum vor Mitstudierenden und DozentInnen,
  • Reflexion der Prozessteile der jeweiligen Bildungsarbeit,
  • Erstellung eines Abschlussberichtes,
  • Öffentlichkeitsarbeit in Form von Zeitungsartikeln, Stellwänden und Berichten bei den vernetzten Organisationen.
  • Ggf. Erstellung einer Facharbeit zu einem Teilaspekt der durchgeführten Maßnahme.

Umfang und Inhalte der Bildungsangebote in der rumänischen Einrichtung

Bei den zwischen drei und zehn Tagen dauernden Fortbildungsveranstaltungen, die in Rumänien stattfinden, wird  jeweils halbtags mit einer Gruppe von Pflegerinnen oder Erzieherinnen ein theoetischer und praktischer Bezug zu einem Thema hergestellt und anschließend wird halbtags das Erlernte in die praktische Arbeit mit den BewohnerInnen der Einrichtung übertragen. Dies erfolgt durch Beratungsgespräche einzeln oder mit Gruppen der Mitarbeitenden, Einzelarbeit mit BewohnerInnen, Kleingruppenarbeit, Alltagsbegleitung, Initiierung, Begleitung und Reflexion von Arbeitstrainingsmaßnahmen, methodischer Förderarbeit und exemplarischer Methodenarbeit, durch Anwendung tagesstrukturierender Maßnahmen, inclusive Projekte  etc.. Machten wir in den ersten Jahren noch Angebote für große Gruppen von 15-30 Personen, wie dies aufgrund der pädagogischen Erfahrungen der rumänischen Partner erwünscht war, so entwickelten sich die Hilfen immer mehr zu spezialisierten Beratungsangeboten für Kleingruppen.

Die Inhalte der Bildungsmaßnahmen, an denen vorwiegend erzieherisch tätige Mitarbeitende  mit Lizeumsabschluss (gleichbedeutend dem deutschen Abitur) teilnehmen, erschließen sich aus Gesprächen mit der medizinischen Leitung der Einrichtung, Beobachtungen im Alltag der BewohnerInnen, der heilpädagogischen Grundlagentheorien und aus der jeweiligen Fachkompetenz der Studierenden der Heilpädagogik mit ihrem differenzierten Grundlagenwissen und der langjährigen Berufserfahrung aus den Grundberufen der sozialen Arbeit. Maßgeblich für die Wahl der Inhalte ist aber immer zuerst der Arbeitsauftrag oder der konkret festgestellte Bedarf an Inhalten und Methoden für die Arbeit in der Einrichtung.

Folgende Inhalte wurden in der rumänischen Einrichtung in den letzten Jahren angeboten:

  • Fortbildung für Mitarbeitende und Fördergruppenarbeit mit einer Gruppe von Personen mit autistischen Verhaltensweisen;
  • Einrichtung einer Holzwerkstatt und Anleitung zu Arbeitstrainingsmaßnahmen für junge Männer;
  • Motivation und Ausdauerförderung zur Arbeit in Kreativwerkstätten für junge Frauen;
  • Stellenwert der Förderung von Wahrnehmung und Motorik, Methodenbausteine für die  Kleingruppenarbeit;
  • Entwicklungsdaten erheben, Fallgespräche über Bewohner mit herausfordernden  Verhaltensweisen;
  • Anleitung eines Teams bezüglich der Gestaltung von Essenssituationen;
  • Fördergruppenarbeit mit schwer mehrfach behinderten Personen;
  • Sexualpädagogik, Fallgespräche und Umgang mit Grenzsetzungen;
  • Reflexion und Einführung tagesstrukturierender Maßnahmen;
  • Themenschwerpunkte Beheimatung, Partizipation, Normalisierung;
  • Leitbildentwicklung (code ethik) mit einer Gruppe Leitender;
  • Kommunikation unter den Fachbereichen einer Einrichtung;
  • Reflexion von Arbeitstrainingsmaßnahmen mit ehemaligen Straßenkindern;
  • Inclusives Theaterprojekt mit Bediensteten und Bewohnern;
  • "Der Mensch steht im Mittelpunkt":- Anregungen und Reflexionen für die Arbeit mit hoch bedürftigen Menschen.

Wo steht die Einrichtung heute?

Neben der Grundversorgung der BewohnerInnen von Badacin und einer relativen materiellen Sicherheit zählt die Einrichtung von Badacin zu einer der wenigen Institutionen für erwachsene behinderte und psychisch kranken Menschen, in denen etwa zwei Drittel der dort lebenden Personen ein regelmäßiges Beschäftigungsangebot erhalten. Damit hat diese Institution sich den Status einer "Modelleinrichtung" in ihrem Bezirk erarbeitet. Das Gelände des ehemaligen "Heimes der vergessenen Kinder" wurde umgestaltet, so dass sich dem Besucher heute ein angenehmes Bild eines kleinen Heimdorfes mit insgesamt neun Versorgungs- und Wohnhäusern bietet. Daneben   bieten  landwirtschaftliche Nutzflächen mit Treibhäusern, ein kleiner Bauernhof  mit Kühen und Schweinen und ein kleines Museum zur Lebensgeschichte des Stifters dieses Areals, des rumänischen Arbeiterführers Maniu, der vor der Zeit Ceaucescus in Rumänien Politik mitgestaltete, den Eindruck eines liebenswerten Ortes.

Beaufsichtigende Pflegerinnen wurden zum Teil von Erzieherinnen abgelöst, die nun darum bemüht sind, den Menschen, die viele Möglichkeiten zu lernen in sich tragen, entsprechend zu fördern. Leider gibt es immer noch zu  wenig ausgebildetes Personal  in der Einrichtung, das mit dazu beitragen kann, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und die Menschen täglich angemessen zu fördern, zu beschäftigen und sie gesellschaftlich zu integrieren. Die aus sozialistischen Zeiten verbliebenen medizinischen Organisationsstrukturen bedürfen einer Reform, die nur in Zusammenarbeit mit der zuständigen Bezirksregierung vorzubereiten ist.

Damit verbunden ist die Notwendigkeit der Öffnung der Einrichtung nach außen, damit die öffentliche Teilhabe und Integration der Menschen verwirklicht werden kann. Teilverselbständigung und die  Einrichtung betreuter Wohnformen außerhalb der Institution sind derzeitig für etwa 30% der Bewohnerin von Badacin denkbar.

Robert Bosch – Stiftung fördert europäische Bildungsarbeit der Fachakademie für Heilpädagogik-Hof /Diakonie Neuendettelsau

Nun hat die Robert – Bosch – Stiftung durch die Bereitstellung von Fördergeldern die weitere Zusammenarbeit zwischen der staatlich anerkannten Schule – Fachakademie für Heilpädagogik /Hof   und der rumänischen Einrichtung Badacin für die nächsten vier  Jahre sicher gestellt. Die bisherigen Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung in der rumänischen Einrichtung werden noch einmal um acht Bildungsangebote für Mitarbeitende und BewohnerInnen erweitert, darunter ein gemeinsames Fortbildungs- und Hospitationsangebot  für rumänische und deutsche Fachkräfte in Deutschland. Die Effizienz der gesamten Maßnahmen wird durch eine Evaluation in der Einrichtung Badacin überprüft und durch Gespräche mit leitenden Mitarbeitern im Bezirk Salaj hinsichtlich der Übertragbarkeit von Bildungsangeboten und der Herstellung von Nachhaltigkeit abgerundet. 

Gefördert werden vorwiegend Reise-, Übernachtungs-, Verpflegungskosten und Übersetzungsleistungen zur Durchführung der ehrenamtlich angebotenen Leistungen von Studierenden und beratenden Fachkräften. 

Ziel des gesamten Maßnahmenpaketes wird es sein, eine nachhaltige Verbesserung für die Lebensqualität der BewohnerInnen der rumänischen Einrichtung zu sichern und durch intensive Zusammenarbeit mit der Leitung der Einrichtung und politische Vertreter des Verwaltungsbezirkes Salaj auch Wirkungen für die Bildungsarbeit im rumänischen Verwaltungsbezirk Salaj zu erzeugen. 

Was kann durch die Teilnahme am Rumänienprojekt von den beteiligten Gruppen erlernt werden?  

Mögliche Lerneffekte für die MitarbeiterInnen der Einrichtung Badacin 

Eine ehemalige Studierende nannte den Titel ihrer Facharbeit "Der Kampf ums Nachholen". Mit diesem Titel ist in etwa umschrieben, wozu das Personal der Einrichtung Badacin sich weiterbilden lässt. Ein Großteil der Bewohnerinnen der Einrichtung trägt verborgene Fähigkeiten in sich, die erahnt, entdeckt, ausgebildet, gefeiert werden können und zu deren Hervorbringung die Personen mitmenschlicher Hilfe bedürfen. 

Die Fallgespräche, exemplarischen Förderangebote und  Reflexionen  helfen den MitarbeiterInnen dabei, die Verhaltensweisen der Menschen mit Behinderungen und deren Möglichkeiten besser einzuschätzen und die Hilfen zu geben, die notwendig sind. Recht auf Teilhabe am öffentlichen Leben ist für Menschen mit Behinderungen auch heute noch nicht  für alle Einwohner Rumäniens denkbar. Hier lernen die Bediensteten, dass auch sie mit Anteil daran haben, die Belange der Menschen, die  mit Behinderungen leben müssen, in der Öffentlichkeit mit zu vertreten und die Personen in die Öffentlichkeit zu begleiten. Die Erzieherinnen und Krankenschwestern erlangen  Sicherheit in der Kommunikation mit den bedürftigen Menschen. Sie entwicklen Arbeitstechniken, die den Menschen dabei helfen, ihre Geschichte neu zu erschließen, emotionale, geistige, motorische, kommunikative und soziale Fähigkeiten auszubauen, in regelmäßige Beschäftigungsverhältnisse hinein zu wachsen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Bei Besuchen in deutschen Einrichtungen lernen sie modellhaft andere Arbeitsweisen kennen und können sie nach reflektierender Einordnung ggf. in ihre Arbeit übernehmen. Sie erlangen Kenntnis über die Strukturen der unterschiedlichen sozialen Systeme der beiden europäischen Länder.

Durch die Entwicklung eigener Standpunkte wird Mitverantwortung entwickelt. Die Kenntnis von Organisationsstrukturen und deren mögliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der BewohnerInnen einer sozialen Einrichtung erweckt Sensibilität für die Wirkungen des eigenen Handelns. Erlangung von Kreativität und Methodenvielfalt können Auswirkungen auf  Arbeitsmotivation, Innovationskraft und Arbeitsfreude bewirken.  Die MitarbeiterInnen, die sich in eine Schulausbildung begeben haben, können Inhalte der theoretischen Ausbildung reflektieren und auf die  Arbeitspraxis passgenauer anwenden.

Daneben wird Strukturierung und Gestaltung von Lebens- und Arbeitsalltag für unterschiedliche Gruppen geübt.

Mögliche Lerneffekte für die BewohnerInnen der Einrichtung Badacin

Die  jungen Frauen und Männer leben heute in Heimgruppen, in denen die Versorgung mit Essen, Trinken, eigenem Bett und die Grundversorgung gesichert sind. Sie erlangen durch die nun vermehrten Beziehungs- und Beschäftigungsangebote eine Vorstellung von sich selbst, entwickeln Vorlieben und entdecken ihre Lebensmöglichkeiten. So können sich Autonomie und Identität entwickeln. Es entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft zwischen dem betreuenden Personal, den BewohnerInnen des Dorfes Badacin und den BewohnerInnen der Einrichtung Badacin. Dies führt zu ansatzweisen Initiativen der Einbindung der Menschen mit Beeinträchtigungen ins dörfliche Leben. Die oftmals einseitig entwickelten Bewältigungsstrategien, die sich je nach Temperament in selbstverletzenden Verhaltensweisen, Aggressionen, Rückzug, Desinteresse, Teilnahmslosigkeit oder Angriffslust zeigten können gegebenenfalls umgeformt werden in Neugierverhalten, Lernwille, Wünsche an das soziale Miteinander und strukturierte Handlungsfähigkeiten. So entsteht die Erfahrung von persönlicher Bedeutung und Lebenszufriedenheit. Dies kann dann Grundlage für weitere Entwicklungsschritte hin zu höherer Selbständigkeit, erweiterten Umwelterfahrungen und gegebenenfalls die Erschließung neuer Lebensperspektiven sein. Etwa die Hälfte der BewohnerInnen der Einrichtung Badacin geht für etwa vier Stunden einer geregelten Beschäftigung innerhalb der  Einrichtung nach.

Mögliche Lerneffekte für Studierende der Heilpädagogik

Angehende HeilpädagogInnen setzen sich in ihrem Projektstudium mit den historischen Wurzel eines europäischen Nachbarlandes auseinander und erschließen sich die sozialen Zusammenhänge als Ausgangslage für das Verstehen der sozialen Lage der Menschen und das erwünschte soziale Miteinander. Sie hinterfragen und entwickeln einen berufsethischen Standpunkt und üben sich in der Zusammenarbeit mit den vernetzten Institutionen in der Beschreibung des neuen Berufsbildes. In diesem Zusammenhang entwickeln sie zum Beispiel  Fähigkeiten in der Präsentation, der Öffentlichkeitsarbeit, dem Sponsoring  und der Praxis von Vernetzungstätigkeit mit ehrenamtlich arbeitenden Hilfsorganisationen und öffentlichen Stellen.

Die vorbereitende Reflexion eigener Hilfemotive und Stärken und die sachbezogene Teamarbeit können zu erhöhter Selbstsicherheit und neuen Einsichten bezüglich zielorientierter Konzeptentwicklung beitragen.

Bei der Planung, Organisation und Durchführung von Bildungsveranstaltungen wird eine Integration und Adaption der bisherigen Ausbildungsinhalte aus Theorieunterricht, Übungen und Methodenbausteinen gefördert. Die Konstruktion eigener Lernbausteine zu einem Selbstbild erfolgt nicht als Anpassungsleistung an die eigene berufliche Arbeitsstätte, sondern als kreative Neuschaffung in Anpassung an fremde Gegebenheiten. Dies erfordert einerseits den Mut zu Selbständigkeit, Kreativität, Energieaufwand und fordert andererseits geradezu heraus zur experimentellen Anwendung von neu erschlossenen Lerninhalten. Gleichzeitig sind mannigfache Anpassungsleistungen an die vorfindbaren Gegebenheiten bei den Projektpartnern, in der Zusammenarbeit mit Übersetzern, die BewohnerInnengruppen und MitarbeiterInnengruppen der rumänischen Einrichtung, der Eigengruppe, den schulischen Anfordrungen gegenüber und an die kulturellen Unterschiede zu erbringen. Entwickelt werden so die Fähigkeiten der Strukturierung und Reflexion von Alltagssituationen. Eigenes Engagement, eigene Leistungen, Situationsanalysen, unvorhersehbare Gegebenheiten, methodisches Arbeiten etc. kann über reflektierenden Lerngewinn aus den Erfahrungen erschlossen werden.

Das Erleben der anderen Kultur und  das herzliche Miteinander mit  den rumänischen Partnern fördern das Gefühl von Gemeinsamkeit.

Das Wichtigste ist wohl für alle Beteiligten, dass sie erleben, dass menschliche Kultur mit den Wünschen an Mitmenschlichkeit und Achtung vor  dem Trennenden und Verbindenden überall dort zu finden ist, wo Menschen in Gemeinschaft etwas mit- und füreinander gestalten.  Damit hat das wechselseitige Miteinander auch einen Frieden stiftenden Charakter.

Verfasserin:  Hildegard Havenith

                      Diplom- Heilpädagogin (FH)

                      Ausbildung zur Gestalt- Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche

                      Studium der Diplom Pädagogik/Andragogik, Uni Bamberg

                      Dozentin an der Fachakademie für Heilpädagogik/Hof